Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Zum Wettbewerb Hintere Insel

Meine Einschätzung als Jury-Mitglied zum Siegerentwurf.

Die Jury hat sich in einer zwölfstündigen Sitzung ausführlich mit allen Arbeiten auseinander gesetzt und einmütig den Siegerentwurf gekürt.

Beim Siegerentwurf hat mich insbesondere das städtebauliche Konzept überzeugt, da es die wesentlichen Wünsche aus dem Bürgerforum widerspiegelt:

  1. So hält der Siegerentwurf – wie auch die mit Platz 2 und 3 prämierten Entwürfe – die gesamte Fläche vor der denkmalgeschützten Luitpold-Kaserne vollkommen frei und es wird Platz geschaffen für einen großzügigen, attraktiven Bürgerpark für uns Lindauer (Anmerkung: Die beim Bürgerforum angesetzte „rote“ Linie, welche die Grünflächen von der Bebauung trennt, wird eingehalten).
  1. Es entsteht ein breiter Zugang zum See – ob, wie im Siegerentwurf dargestellt, mit Kiesterrassen oder doch aufgrund der  Strömungsverhältnisse vermutlich eher als Stein-Terrassen – und ein Badesteg, den sich die Bürger schon lange wünschen; gerade zum Sonnenuntergang an einem der schönsten Plätze in Lindau überhaupt.
  1. Wie im Bürgerforum angeregt, sieht der Siegerentwurf  die geplanten Gebäude drei- bis maximal fünfgeschossig vor. (Es gibt keine sogenannten Hochpunkte mit 7 Geschossen, wie in einigen anderen Entwürfen.)

Dabei sind die Gebäude mit innenliegenden Grünflächen so konzipiert, dass sie einerseits Lärmschutz zur Bahnseite und andrerseits aber auch zu den intensiv genutzten  öffentlichen Freiflächen bieten. Wichtig auch: Der Siegerentwurf zeichnet sich durch eine Ausgewogenheit von privaten und öffentlichen Grünflächen aus; es werden nicht unnötig große private Grünflächen vorgehalten, die zu Lasten der öffentlichen Flächen gehen und bei denen unklar ist, wer sie dann pflegt.

Dem wachsende Wohnbedarf wird mit der Anzahl der geplanten Wohnungen Rechnung getragen. In attraktiver Lage mit hervorragender Infrastruktur entstehen Mietwohnungen insbesondere für  junge Familien. Das komplette Quartier wird autofrei sein; alle Autos „verschwinden“ in mehreren Tiefgaragen unter der Erde, sodass Kinder unbeschwert spielen und Fahrradfahren können.

Die Dichte der Bebauung ist wichtig, damit der Wohnraum bezahlbar bleibt. Da die Stadt gemeinsam mit der GWG dort baut, werden die Wohnungen nicht zu Spekulationsobjekten und die Stadt hat die Hand darauf, dass keine Ferien- oder Zweitwohnungen entstehen. Denkbar wäre u.U. (für eine gewissen Anzahl an Wohnungen) auch ein Genossenschaftsmodell, bei dem die Bürger Anteile erwerben können.

Damit die Insel dauerhaft mit all ihren Strukturen und Einrichtungen erhalten bleibt (Kindergärten, Schulen, Nahversorger, Einzelhandel etc.), ist es unumgänglich, die Zahl der Bewohner wieder zu steigern. Auch dafür ist die Anzahl der Wohnungen notwendig. Bedenkt man, dass auf der Insel vor 100 Jahren noch ca. 3000 Menschen gelebt haben und heute nur noch ca. die Hälfte, ist die geplante Bebauung der Hinteren Insel zukunftsweisend.

  1. Der Entwurf nimmt die kleinteilige, parzellierte Bebauung der Altstadt mit ganz unterschiedlichen Fassaden auf und führt sie in moderner Form fort.

Ganz wichtig: Er bietet dabei große Flexibilität in der Gestaltung. Ob die Häuser drei- oder fünfgeschossig werden, ob mit Flach- oder Satteldach ausgestattet, wie Terrassen oder Balkone aussehen und ob zwischen den Häusern Durchgänge sind etc. ist überhaupt noch nicht festgelegt. Das kann und wird sich bis zu einer Realisierung – wir denken da in Zeiträumen von 10 bis 20 Jahren – entwickeln.

Der Wettbewerb ist bislang nur ein übergeordnetes Bauleitverfahren. Als nächste Schritte – nach den Verhandlungen mit den Wettbewerbssiegern – folgen ein städtebaulicher Realisierungswettbewerb und erst dann das konkrete Bauleitverfahren mit dem Aufstellen eines Bebauungsplans, wo die oben genannten Punkte festgelegt werden.

  1. Im Siegerentwurf bleibt das sogenannte Bayerische Eck (die Grünfläche westlich der Eilguthalle) komplett frei als multifunktionale Grünfläche, genau so wie es sich die Bürger im Workshop wünschten.
  1. Die Verbindung von Altstadt zum neuen Wohnquartier auf der Hinteren Insel erfolgt über einen neugestalteten Bahnhofsplatz, der im Gegensatz zu einigen anderen Entwürfen nicht überdimensioniert ist, sondern sich an der Größe der anderen Inselplätze orientiert.

Zum Konzept der  Gartenschau:

Beim Siegerentwurf zeigt sich das Konzept der Gartenschau weniger attraktiv als beispielsweise der Entwurf des 2. Platzierten. Da sind sicherlich noch Nachbesserungen nötig. Insbesondere kommt die Attraktivität der Gartenschau auf dem Standort direkt am See zu wenig zur Geltung.

Allerdings ist positiv zu verzeichnen, dass gerade das eher schlicht gehaltene Konzept den finanziellen Rahmen der Stadt wohl am ehesten einhält. So bleibt die bestehende Ufermauer weitgehend erhalten und die Gartenschauflächen decken sich im Wesentlichen mit denen der späteren Bebauung, wodurch keine teuren Rückbau-Kosten entstehen.

Die großen Grünflächen direkt am Ufer (Bürgerpark) werden zur Gartenschau angelegt und bleiben als Daueranlagen dann auch so bestehen.

Angelika Rundel

Pläne sind im Cavazzen zu sehen
Alle Pläne und Ansichten sowie Erläuterungen zu den Arbeiten gibt es in der Ausstellung im Stadtmuseum zu sehen, die noch an den ersten beiden Adventswochenenden geöffnet ist. Die Ausstellung im Cavazzen ist jeweils von Freitag bis Sonntag, also vom 25. bis 27. November sowie vom 2. bis zum 4. Dezember geöffnet. Die Öffnungszeiten sind an den Freitagen 14 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr. Führungen gibt es nicht, es gibt zu jeder Arbeit die Erklärungen der Planer selbst sowie zu den Preisgekrönten Arbeiten das Urteil der Jury zu lesen.

Ausführlich wird es zudem bei der Bürgerversammlung am kommenden Montag, 28. November, um die Entwicklung der Hinteren Insel gehen. Oberbürgermeister Gerhard Ecker wird das Ergebnis des Wettbewerbs sowie die zu erwartenden nächsten Schritte erläutern. Dazu können Interessierte ihre Fragen stellen. Die Bürgerversammlung beginnt am Montag um 19 Uhr im Pfarrzentrum St. Josef.

Artikel veröffentlicht am: 24. November 2016