Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Leserbrief erzeugt ein falsches Bild

Zocken die Allgäuer Überlandwerke (AÜW) ihre Stromkunden ab, um dann die Gewinne an die Gesellschafter auszuschütten? So sieht es die Immenstädterin Katharina Speiser in einem Leserbrief im heutigen Anzeigeblatt. Sie rechnet aus, dass die Kilowattstunde 4,9 Cent billiger sein könnte, wenn sich nicht die Kommunen am AÜW-Gewinn bereichern würden.

Speisers Rechnung klingt einleuchtend. Sie teilt die 14,9 Millionen Euro Jahresüberschuss durch die verbrauchten 305 000 000 Kilowattstunden und kommt so auf 4,9 Cent, die der Strom billiger sein könnte, wenn da nicht die Bürgermeister im Aufsichtsrat des AÜW wären. Diese “demokratisch gewählten Interessenvertreter” zweigen das Geld als indirekte Steuer oder Pflichtabgabe in den Stadtsäckel um. Von einer “Spende für den Haushalt” oder eine “Finanztransfer” ist die Rede. Immenstadt bekäme so 1,4 Millionen Euro überwiesen um damit das städtische Defizit zu decken.

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Was auf den ersten Blick plausibel zu sein scheint, ist in Wirklichkeit etwas anders. Zunächst ein Blick auf die Beteiligungsverhältnisse am AÜW: Kempten hält 82,6 Prozent am AÜW, Immenstadt 9,31 Prozent, Lindau 5,04 Prozent, Mittelberg im Kleinen Walsertal 3 Prozent und die Gemeinde Schwangau 0,05 Prozent. Somit könnte man das AÜW als kommunales  Unternehmen bezeichnen – nur dass sich die Gründerväter bereits frühzeitig für eine Zusammenlegung dieser Pflichtaufgaben entschieden haben. Denn anno dazumal war die Versorgung mit Strom eine Aufgabe der Kommunen und wurde aus dem Haushalt der Kommunen finanziert. Unser Bild zeigt die Zentrale des AÜW in Kempten.

Was ist falsch daran, wenn das AÜW seinen Gesellschaftern Gewinn ausschüttet? Würde Frau Speiser genauso reagieren, wenn eine private Yoghurt-Fabrik Gewinn macht und diesen an die Gesellschafter verteilt? Käme sie dann auch auf die Idee, dass der Kunde pro Becher Yoghurt um 4,9 Cent “beraubt” wird?

Frau Speiser wirft speziell Immenstadt vor, dass die 1,4 Millionen, die die Stadt vom AÜW dieses Jahr überwiesen bekommt, dieses Geld zur Deckung städtischer Defizite nutzt. Damit hat sie recht. Immenstadt reicht den Scheck des AÜW weiter an die Stadtwerke. Die Stadtwerke decken damit die Defizite aus den Betrieb von Hallenbad und Freibad Kleiner Alpsee und bezahlt den Unterhalt dieser Anlagen. Gäbe es das Geld des AÜW nicht, gäbe es längst kein Hallenbad und kein beheiztes Freibad mehr.

Die Gewinne aus dem AÜW werden also im Sinne der Immenstädter Bürger ausgegeben, die sich gerade in den letzten Monaten intensiv für den Weiterbetrieb des beheizten Freibades ausgesprochen haben. Das Dach des Hallenbades wurde ebenfalls mit diesen Mitteln saniert. Die SPD Immenstadt und die Kreis-SPD haben nicht nur die Finanzen des AÜW, sondern auch die Technik im Blick. Unser Foto zeigt die Kreistagsfraktion bei der Besichtigung des Kraftwerks an der Keselstraße.

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Dass Immenstadt trotzdem immer weiter in die Schuldenfalle tappt, darauf weist die SPD Immenstadt seit Jahren hin. In guter Gesellschaft mit dem Bürgermeister Armin Schaupp, der Verwaltung und den Fraktionen der Aktiven und der Grünen. Die Konservativen im Stadtrat sehen dagegen den Wert der 9,31 Prozent AÜW-Beteiligung (ca. 40 Millionen Euro) als Finanzpolster, um nicht den strukturellen Finanzproblem entgegenwirken zu müssen: “Zur Not verkaufen wir einfach AÜW-Anteile, dann haben wir wieder Geld.”

Wie der Bauer, der, um sich eine Melkmaschine anzuschaffen, seine Kühe verkauft.

Bericht: pe

Artikel veröffentlicht am: 29. Oktober 2013