Lindau
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Koalitionsverhandlungen: „Zirkuseffekt statt schwerwiegender Differenzen“

Viel Show bescheinigt Prof. Dr. Markus Voeth von der Universität Hohenheim den aktuellen Koalitionsverhandlungen. Anders als bei den Koalitionsverhandlungen von 2005 seien diesmal vor allem die Sondierungsgesprächen wichtig gewesen. Bei den Mammut-Gesprächsrunden gehe es deshalb nun mehr darum, die jeweils eigene Partei zu beruhigen. „Damit sind wir Zeugen eines Phänomens, das wir in der Verhandlungsforschung als „Zirkuseffekt“ kennen“, so Prof. Dr. Voeth.

Eindeutiges Indiz ist für Prof. Dr. Markus Voeth allein schon die Zahl der Teilnehmer an den Koalitionsverhandlungen. „An der großen Koalitionsrunde nehmen 75 Vertreter teil. Mit einer solchen Zahl ist an eine wirkliche Verhandlung nicht zu denken.“ Ähnlich skeptisch ist der Verhandlungsforscher bei den 12 Arbeitsgruppen mit jeweils 16 Personen: „Effektiv kann man in einer derartig großen Gruppe kaum arbeiten.“

Dass sich Koalitionsverhandlungen laut vielen Prognosen ziehen werden, dürfe laut Prof. Dr. Voeth weniger daran liegen, dass die Partner schwere inhaltliche Differenzen ausräumen müssten. „Tatsächlich dürfte es vielmehr darum gehen mögliche Widerstände in der eigenen Partei auszuräumen“, so Prof. Dr. Voeth.

Als Wirtschaftswissenschaftler weiß Prof. Dr. Voeth, wovon er spricht. Verhandlungsforschung und -ausbildung gehören zu seinen Spezialgebieten an der Universität Hohenheim. Als Autor vieler Fachbeiträge sowie eines Lehrbuchs zum Thema Verhandlungsmanagement und als Mitinitiator des bereits drei Mal ausgerichteten deutschlandweiten Studenten-Verhandlungswettbewerbs „Battle of Universities“ analysiert Prof. Dr. Voeth auch regelmäßig Tarifverhandlungen oder politische Verhandlungen.

„Anders als 2005 waren die Sondierungsgespräche die wahrscheinlich wichtigeren Verhandlungsrunden“

Das überdimensionierte Verhandlungsteam sei ein klassischer Beleg dafür: Eine solche Organisationsstrukturen sei typisch für Verhandlungen, bei denen es vor allem darum gehe, alle Entscheidungsträger – und damit auch mögliche Opponenten – in den Verhandlungsprozess einzubinden. „Wer mitverhandelt und damit die Suppe mit eingeschenkt hat, kann sich hinterher kaum gegen das Verhandlungsergebnis stellen“, meint Prof. Dr. Voeth.

Damit unterschieden sich die aktuellen Koalitionsverhandlungen fundamental von denen, die 2005 zur großen Koalition führten. „Damals konnte Deutschland wirklich schwierige Verhandlungen erleben. Diesmal sind die eigentlichen Verhandlungen schon in den Sondierungsgesprächen gelaufen“, meint der Experte. CDU/CSU und SPD wüssten genau, an welchen Stellen sie auf ein Entgegenkommen der Gegenseite hoffen können und wo sie selber nachgeben müssen. „Damit weiß jede Seite schon jetzt recht genau, wie die Kompromisslinie am Ende aussehen wird.“

„Deutschland erlebt einen klassischen Zirkuseffekt“

Vordergründig würden die Wellen in den kommenden Wochen dennoch sicher immer wieder sehr hoch schlagen, so die Prognose von Prof. Dr. Voeth. Viele Streitereien würden aber vermutlich eher gezielt initiiert, um Eindruck bei der eigenen Basis zu erzielen. „Wir bezeichnen dieses Phänomen als Zirkuseffekt. Dieser liegt vor, wenn man in einer Verhandlung eine Position nicht deshalb einnimmt, um die Gegenseite zu überzeugen, sondern wenn es eher darum geht einen bestimmten Eindruck bei den Zuschauern zu erreichen.“

Dies sei in den augenblicklichen Koalitionsverhandlungen gerade für die SPD wichtig, um ihre Basis für die eigentlich ungeliebte große Koalition zu erwärmen.

Bericht: Peter ELgaß

Artikel veröffentlicht am: 27. Oktober 2013