Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Gemeinsam zur Schule

Einige Lindauer erinnern sich noch an dieses Plakat aus dem Jahr 1966, das Lindauer Grundschüler von Alfons Handerer als Linoleumschnitt angefertigt hatten. Damals gab es in ganz Bayern nur katholische Bekenntnisschulen, vereinzelt auch evangelische und für den Rest Gemeinschaftsschulen.

Lindau leistete sich in fast allen Stadtteilen je zwei Volksschulen: eine katholische Bekenntnisschule und eine Gemeinschaftsschule, was dazu führte, dass es nur in den großen Ortsteilen ausgebaute Schulen gab, in denen jeder Schülerjahrgang eine Klasse bildete. In den übrigen Lindauer Volksschulen wurden je zwei Schülerjahrgänge in einer Klasse unterrichtet. Heute, in Zeiten großen Schülerrückgangs wird uns dieses Modell wieder als pädagogisch besonders wertvoll angepriesen.

Damals begehrte das Bayernvolk gegen die Konfessionalisierung des Bayerischen Volksschulwesens auf und hatte Erfolg. Lindau war bei dem Volksbegehren Christliche Gemeinschaftsschule mit ca. 22 Prozent an der Spitze.

Heute zeigt sich, dass unsere sieben Grundschulen in Gefahr sind, auf nur zwei zusammen zu schrumpfen, wenn nicht die Klassen viel kleiner werden, was tatsächlich pädagogisch nicht nur wertvoll, sondern notwendig wäre. Hier ist erneut ein Aufbegehren des Volks, von Eltern und Lehrern und allen Betroffenen angezeigt.

„Gemeinsam zur Schule” hat aber heute nach 45 Jahren eine andere Bedeutung: Unser dreigliedriges Schulsystem, besonders die Auslese unter den Zehnjährigen, wer kommt aufs Gymnasium, wer auf die Realschule und wer bleibt in der Hauptschule hängen, hat sich als nicht zukunftsfähig erwiesen. Zu viele SchülerInnen des Gymnasiums gehen auf die Realschule ab. RealschülerInnen suchen zu einem großen Teil mit der Mittleren Reife einen Ausbildungsplatz. Für die HauptschülerInnen ist es heute mehr als doppelt schwer, auch einen Ausbildungsplatz zu finden. Zu viele stehen ohne Zukunft da. Die Folgen sind jetzt schon zu besichtigen. Daran haben die verschiedenen Reformversuche zur Rettung der Hauptschule nichts Grundlegendes geändert. Reformversuche, die diese strikte Dreigliedrigkeit, wie sie in Bayern besteht, nicht auflösen, werden immer zum Scheitern verurteilt sein. Das müsste auch unserem Kultusminister klar sein: Wer sein Hemd von unten zuknöpft und dabei gleich das falsche Knopfloch erwischt, wird oben am Kragen zwangsläufig auf dem falschen ankommen. Aber so kann man sich nicht sehen lassen. Mir ist niemand bekannt, der diesen Fehler je beheben konnte, indem er nachträglich eine Korrektur zusammen bekam. Da muss man schon das ganze Hemd aufknöpfen und neu und richtig beginnen. Wer unser Schulsystem verbessern, bzw. reparieren will, muss es genauso machen.

„Gemeinsam zur Schule” heißt heute länger zusammen lernen, SchülerInnen länger und besser fördern und ein differenziertes Angebot machen, das auf den Einzelnen eingeht. Dabei muss länger offen bleiben, welcher Schulabschluss am Ende steht. So entstünde eine völlig andere Schulart die für den Einzelnen unabhängig vom Geldbeutel der Eltern mehr Chancen bietet. Und das müsste gar nicht neu erfunden werden. Es gibt überall in der Welt, besonders in den skandinavischen Ländern nachahmenswerte Beispiele.

Mut machen auch die 100 Schulleiter in Baden-Württemberg, alles Praktiker, die sich für die Gemeinschaftsschule einsetzen und dafür in Ungnade gefallen sind. Aber in den schwarzen Landesregierungen sitzen die eigentlichen Ideologen, die die gemeinsame Schule unisono als Einheitsschule verteufeln. Einer ist jetzt abgewählt!

Hermann Dorfmüller

Artikel veröffentlicht am: 30. März 2011