Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Feierliche Verleihung des Sozialistenhutes an Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Die diesjährige Verleihung des Sozialistenhutes im Foyer des Löwensaals in Lindenberg war so gut besucht, dass zusätzliche Stühle herbeigeschafft werden mussten. Dies war auch nicht weiter verwunderlich, bei den beiden Hochkarätern, die dieses Jahr die Hauptrollen spielten. Der diesjährige Träger ist der Kriminalpsychologe und jetzige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen Prof. Dr. Christian Pfeiffer. Die Laudatio hielt der vorjährige Preisträger, der Präsident des deutschen Städtetages und Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly.

In seiner Laudatio ging ULrich Maly auf die Vita von Prof. Dr. Christian Pfeiffer ein. Er sei nicht kamerascheu und könnte plakative und provozierende Überschriften setzen. Sein Credo ist, dass Forschung für die breite Öffentlichkeit ansprechbar aufbereitet werden sollte, also jeder Zugang zur Forschng bekommen sollte.

DeutscDeutscher Städtetagspräsident und Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly

Deutscher Städtetagspräsident und Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly

Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Jahrgang 44 wurde in Frankfurt/Oder geboren und verließ mit seiner Familie 1953 die DDR und wuchs dann bei Altötting auf, machte sein Abitur in Mühldorf am Inn 1963, leistete seinen Wehrdienst ab und studierte er von 1965 bis 1971 Rechtswissenschaften und Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie an der London School of Economics and Political Science. Er promovierte 1984 mit dem Thema „Kriminalprävention im Jugendgerichtsverfahren“. Außerdem war er von 2000 bis 2003 für die SPD Justizminister des Landes Niedersachsen im Kabinett Gabriel.
Ulrich Maly  bezeichnete den diesjährigen Sozialistenhutträger als “wichtigsten Forscher für die dunkle Seite des Menschen”. Viele würden seinen Namen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Mißbrauchsfälle in der katholischen Kirche kennen. Er wurde mit dieser Forschungsarbeit von der Bischofskonferenz beauftragt, wobei das Projekt scheiterte. Dies stellte Pfeiffer in seiner Ansprache als große Enttäuschung dar.
Zum Abschluss seiner Laudatio zitierte Ulrich Maly noch einige “Überschriften” von Christian Pfeiffer.

  • Nehmt die Bildschirme aus den Kinderzimmern
  • Zwei Drittel der Väter sind emotionale Krüppel, das andere Drittel macht sich aus dem Staub
  • Gewaltfreie Erziehung stützt den aufrechten Gang

Nach der Laudatio wurde Prof. Dr. Christian Pfeiffer von Leo Wiedemann der Sozialistenhut aufgesetzt, den Pfeiffer während seiner anschließenden Rede aufbehielt.

Leo Wiedemann überreicht den Sozialistenhut 2013 an Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Leo Wiedemann überreicht den Sozialistenhut 2013 an Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Als erstes Dankk Christian Pfieffer für die Ehre, den Sozialistenhut überreicht bekommen zu haben, da es beeindruckende Vorgänger habe. Danach ging er in seiner Rede auf seinen politischen und wissenschaftlichen Werdegang und auf seine wissenschftlichen Ergebnisse ein.
Als er 1969 während seiner Zeit an der Müncher Universität in die SPD eingetreten ist, war dies eine spannende Zeit. Er war dabei, wie die Jusos einen altgedienten SPD- Ortsvorsitzenden zu Gunsten eines Jusos abwählten. Dieser Juso war im übrigen der Sozialistenhutträger Christian Ude. Aber es war auch eine dogmatische Zeit, in der viel Marx zitiert wurde. Die damals verwendete Sprache im Deutschen lösten bei ihm und seine Kindheit in der DDR Abwehrgefühle aus, wobei die Theorien später im Englischen für ihn kein Problem darstellten. Ein schönes Beispiel von Mißbrauch an Sprache durch die SED. Für seine wissenschaftliche Leidenschaft hat er dann aber die politische Karriere zurückgestellt und später sogar für die Familienministerinnen Süßmuth und Merkel Reden geschrieben.

Gratulation von Ulrich Maly an seinen Nachfolger als aktueller Sozialistenhutträger Christian Pfeiffer

Gratulation von Ulrich Maly an seinen Nachfolger als aktueller Sozialistenhutträger Christian Pfeiffer

Als nächstes ging Christian Pfeiffer auf die von ihm geforderten Bürgerstiftungen ein. Bürgerstiftungen könnten viele soziale Projekte stützen. Das Geld dazu wäre da. Heutzutage kommen auf 100 Deutsche 68 Kinder und nur 47 Enkel. Allein durch die demographische Entwicklung würde es zu einer Konzentration des Geldes kommen. Pfeiffer rechnet damit das in diesen Zug die Spendenbereitschaft für Bürgerstiftungen steigtdenn “das letzte Hemd hat keine Taschen”. In diesem Zusammenhang erzählte er von einigen erfolgreichen Bürgerstiftungsgründungen. Viele würden auch die örtlichen Musikschulen unterstützen. Er forderte für jedes Kind ein Musikinstrument, denn laut seiner Forschungen senkt eine musikalische Förderung die Gewaltbereitschaft und die Kriminalität.
Er ging auch auf auf die zukünftigen Arbeitsmarkprobleme ein, die aufgrund der demographischen Entwicklung entstehen werden. Hier müssten nur die bestehenden Resourcen genutzt werden.

  • Es müssten wieder mehr Frauen, die teilweise sehr gut ausgebildet sind, im Beruf stehen. Dazu muss Familie und Beruf miteinander verknüpft werden, wozu man “Topkrippen” bräuchte.
  • Den Alten sollte die Möglichkeit eingeräumt werden, länger zu arbeiten, wenn sie dies wollten. Pfeiffer nannte sich selbst als Beispiel. Er sein jetzt knapp siebzig und arbeite noch.
  • Ein weiteres Problem ist, dass 8 Prozent der Jungen in jeden Jahrgang verloren gehen würden, da sie zuviel am Computer spielen würden. Er forderte ein Ganztagsschule, in der die Kinder auch einen Teil ihrer Freizeit verbringen. Lehrer sollten gegen Stundenerleichterungen ihr Hobbys in die Schule bringen. Dabei würden die Kinder die Lehrer  von einer anderen Seite kennen lernen, was das Verhältnis verbessern würde, mehr Spaß und das Burnoutrisiko der Lehrer verringern.
  • Die letzte Resource seien die Einwanderer. Die Hälfte der europäischen Einwanderer sind nach einem Jahr wieder weg aus Deutschland. Man müsste in Deutschland eine Willkommenskultur schaffen. Wir sollten ein Volk der guten Nachbarn sein.

Zum Abschluß ging Christian Pfeiffer auf einiger seiner Forschungsergebnisse in Zusammenhang mit Gewalt ein.

  • Im Dritten Reich gab es viel Prügelstrafe, was eine jede Diktatur bräuchte.
  • Geprügelte prügeln wieder.
  • Wer in Ohnmacht aufwächst, braucht später Macht.
  • Geprügelte sprechen sich für die Todesstrafe aus und wollen eher eine Waffe.
  • Es gibt einen Zusammenhang zwischen  Züchtigungsrecht von Eltern und Lehrern und der Anzahl der Menschen im Gefängnis

Diese Zusammenhänge sehe man an den USA, wo in vielen Südstaaten die Prügelstrafe noch erlaubt ist, und die meisten Menschen im Gefängnis wären, und in Skandinavien, wo als erstes das Züchtigungsrecht verboten wurde und die wenigsten Menschen im Gefängnis sind. Astrid Lindgren war die Vorreiterin mit ihren wunderbaren Büchern für eine gewaltfreie Erziehung der Kinder.
Eine weitere Interessante Tatsache seiner Forschungen ist, dass alten Menschen nur dann von ihren Kindern geschlagen werden, wenn sie selbst ihre Kinder geschlagen haben. Im Alter bekommt jeder das Zurück, was er verdient.
Als letztes ging Christian Pfeiffer auf die Rolle der Väter bei der Erziehung der Jungen an. Ein Drittel der Väter wären tolle Väter. Die Vaterliebe wäre extrem wichtig für deren Entwicklung. Es stärkt das Selbstvertrauen und fördert das persönliche Glück.

Bericht: Markus Kubatschka, Photos: Ludwig Faber und Jörg Hilbert

Artikel veröffentlicht am: 28. Juni 2013