Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Entscheidungen am Lebensende

Podiumsdiskussion in Kempten zum Thema Sterbehilfe als Forum für Information und Austausch. Ein Beitrag unseres Betreuungsabgeordneten Paul Wengert.

Klar war am Ende der gut besuchten Podiumsdiskussion über das Thema „Entscheidungen am Lebensende“, zu dem die Kemptener SPD gemeinsam mit unserem SPD-Bundestagsabgeordneten Karl-Heinz Brunner und mir in das Bildungshaus St. Raphael in Kempten eingeladen hatte, dass aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten ist und darüber nicht diskutiert werden muss. Unstrittig war auch, dass niemand Sterbehilfeorganisationen will, die ein Geschäft mit dem Tod anderer Menschen machen. Kontrovers diskutiert wurde hingegen das Thema der indirekten Sterbehilfe, wenn es also darum geht, schmerzlindernde Mittel zu verwenden, deren Dosierung zu einer Verkürzung des Lebens führt, sowie das Thema der Beihilfe zur Selbsttötung. Dabei wird es vor allen Dingen dann schwierig, wenn jemand ein von jemand anderem bereit gestelltes, tödlich wirkendes Medikament, trotz eindeutiger Willensbekundung nicht mehr aus eigener Kraft (z.B. aufgrund einer Lähmung) selbst nehmen kann.
Das fachlich ausgewogen besetzte Podium startete die Diskussion unter Moderation von Katharina Schrader, zunächst zu der Tatsache, dass sich 78% aller Deutschen laut einer Forsa-Umfrage im Januar 2014 für die Zulassung der passiven (indirekten) Sterbehilfe ausgesprochen hatten.
Gut heraus gearbeitet wurden im Verlauf der gesamten Diskussion die unterschiedlichen Haltungen und Sichtweisen zur Sterbehilfe. Josef Mayer sah den richtigen Weg in der Begleitung Sterbender durch die Hospize. „Jeder Mensch ist wichtig bis zum letzten Atemzug“ gab er zu bedenken. Nach Beiträgen aus dem Publikum, die kritisierten, dass es viel zu wenige Hospize gibt und allen Menschen diese Begleitung zu sichern, appellierte er an die Berliner Politiker, künftig auch die Finanzierung der Hospize zu verbessern. Derzeit müsse man in Kempten jedes Jahr noch 80 bis 100.000 Euro Spenden-mittel dafür aufbringen. Pfarrer Klaus Dotzer sah die „Selbstbestimmtheit bis zum Tod als „Illusion“. Aus religiöser Sicht sei die Freigabe des selbstbestimmen Suizids schwer vorstellbar.
Franz Koller bezog hier klar die gegensätzliche Position: „Menschen, die entschieden haben, nicht mehr leben zu wollen, dürfen nicht im Stich gelassen werden“ plädierte er für klare Ausführungsbestimmunen, die vor Missbrauch schützen müssen. Vor welch schwieriger Aufgabe Ärzte stehen, die ihr „Behandlungsziel“ am Willen oder mutmaßlichen Willen der Patientinnen und Patienten orientieren müssen, verdeutlichen die Beiträge von Dr. Andreas Baumgarten. „Manchmal könne „Lebensverlängerung“ kein Behandlungsziel mehr sein, sondern beispielsweise die Schmerzstillung.
Was die Berliner Politiker derzeit quer durch alle Fraktionen diskutieren ist äußerst schwierig. Finden müssen sie eine salomonische Lösung. Mit einem neuen Gesetz zur Sterbehilfe sollte ein Rahmen geschaffen werden, der Raum lässt für individuelle Wege, gleichzeitig Rechtssicherheit für alle Betroffenen schafft und der Würde des Menschen bis ans Lebensende gerecht wird. Für gesetzliche Regelungen sehe auch ich nach der Veranstaltung nur eingeschränkte Möglichkeiten. „Wir stehen vor einer gesellschaftspolitischen Herausforderung. Professionelle HiIfe ist hier ebenso gefordert wie bürgerschaftliches Engagement“.
Karl-Heinz Brunner vertritt die Meinung, dass es weniger neue Gesetze braucht, um Sterbende und ihre Angehörigen würdig zu begleiten, sondern Rechtssicherheit. „Wir können den Tod nicht per Gesetz regeln, aber die Ärzte brauchen einen Handlungsspielraum für individuelle Gewissensentscheidungen, ohne ständig Gefahr zu laufen, sich strafbar zu machen“.

Artikel veröffentlicht am: 21. März 2015