Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Ein bedenkenswertes (bedenkliches?) Interview in der SZ

Christian Nürnberger: "Da habe ich begriffen: Diesen Kontakt muss man nicht nur vor dem Wahlkampf pflegen, sondern auch zwischen den Jahren. Die SPD muss einen Häuserkampf hinlegen, um die Köpfe und Herzen zurückzugewinnen. Haus für Haus, Straße für Straße. "

“Da hätte der Papst antreten können”
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Von Ulrike Heidenreich

Wieder zu sich selbst finden, aus dem Herzen heraus Politik machen, all das hat die SPD nötig, um neue Wähler zu gewinnen – laut einer aktuellen Studie, die sie selbst in Auftrag gegeben hat. Die Partei müsse den Menschen zeigen, dass sie die Politik für sie mache und nicht für sich selbst. Ein Genosse hat diese Forderung ganz besonders verinnerlicht: Der Autor Christian Nürnberger, 63, der im vergangenen Bundestagswahlkampf in Bayern für die SPD antrat – und scheiterte. Den mitunter verstörenden Erlebnissen hat er in seinem neuen Buch “Die verkaufte Demokratie” ein ganzes Kapitel gewidmet. Ein Gespräch über merkwürdige Abstimmungen, Parteipfründe und Demokratie im Hinterzimmer.
SZ: Die Kinder aus dem Haus, der Hund gestorben – muss man in so einer Verfassung sein, um für die SPD in den Bundestagswahlkampf zu ziehen?
Christian Nürnberger: Das war meine Lebenssituation zu dem Zeitpunkt – aber ganz so schlimm wie es sich anhört, ist es nicht. Ich hätte mich gerne schon früher engagiert, aber ich hatte unsere Tochter und unseren Sohn großzuziehen. Im Nachhinein betrachtet, ist das sowieso die politischere und wichtigere Aufgabe: Wenn man sein Kind zum mündigen Bürger erzieht, hat man alles gemacht, was man für die Demokratie tun kann.
Warum haben Sie es dann trotzdem ernsthaft im Politikbetrieb versucht?

Ich wollte in meinem fränkischen Heimat-SPD-Ortsverein eigentlich nur die Ehrennadel für 40-jährige Mitgliedschaft abholen, kehrte dann aber mit dem Angebot zurück, 2013 zu kandidieren. Bei einem “Nein” hätte ich meine eigenen Worte Lügen gestraft. Denn ich hatte mich zu der Zeit sehr über die Wutbürger aufgeregt, die maulend abseits standen, aber nichts taten. Jeder, dem die Politik stinkt, hat doch die Möglichkeit, in eine Partei zu gehen und dafür zu sorgen, dass das Personal und die Auswahlverfahren besser werden.

Genau da scheitert die SPD aber. Eine Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung bescheinigt der Partei ein gravierendes Imageproblem. Außerhalb der traditionellen Wählerschaft interessieren sich wenige für die SPD, die 25- bis 45-Jährigen sowieso kaum. Was wollten Sie da aufbrechen?

Zunächst: Wenn Angela Merkel mal in Pension geht, wird die CDU die gleichen Probleme haben wie die SPD. Für alle Parteien gilt: Sie brauchen Frischblutzufuhr aus dem Volk, Menschen, die auf ein Leben außerhalb der Politik zurückblicken – und solche, an deren Leben sich ablesen lässt, wofür sie stehen. Um es mal ganz unbescheiden an meinem Beispiel zu erklären: Ich habe vor 25 Jahren einen gut bezahlten Job an den Nagel gehängt, um jeden Tag für meine Kinder zu kochen. Die Kinder tragen den Namen meiner Frau. Eigentlich bin ich der ideale Kandidat für Frauen und Feministinnen. Wenn die Partei mich so auf die Rampe geschoben hätte, hätte das sicher neue Wählerschichten eröffnet.

Das hat die SPD aber nicht getan. Woran liegt’s?

Die Berufspolitiker prägen das Bild der Partei. Die Wähler sind aber diese Typen leid, die das schon seit Jahrzehnten machen. Sie bilden eine eigene Klasse und sind vom Volk abgehoben.

Sie haben sich darauf eingelassen und tapfer vorgesungen, um alle von Ihrer Kandidatur zu überzeugen – beim Unterbezirksvorstand, den vielen Ortsvereinen, Delegiertenkonferenzen. Was haben Sie da erlebt?

Anfangs lief es prima. Bei der Tour durch die Ortsvereine bin ich sehr gut angekommen – was sich in einem bombigen Ergebnis niedergeschlagen hat: Mit 99 Prozent der Stimmen wurde ich nominiert. Ich habe dann gedacht, dass das so weitergeht. Aber die Genossen meinten: eher nicht. Du musst dem Parteivorstand vom Bezirk noch vorsingen und bei der Delegiertenkonferenz für einen bestimmten Platz nominiert werden. Und dann die kühle Kalkulation: Platz eins auf der Mittelfranken-Liste war schon reserviert für den fränkischen SPD-Platzhirsch. Platz zwei geht automatisch an eine Frau, und Platz drei war inoffiziell schon einem Fürther Stadtrat versprochen worden. Vier wäre wieder eine Frau, der nächsten freie Platz dann die Fünf. Mit diesem Platz wäre ich aber auf der Landesliste so weit hinten gewesen, dass ich null Chance gehabt hätte. Also ging ich in den Kampf um Platz drei.

Diese Form der Hinterzimmer-Parteidemokratie hat der ehemalige Münchner SPD-Oberbürgermeister Christian Ude mit dem Satz “Du kamst als Freund und gingst als Fremder” beschrieben.

Sehr zutreffend – aber ich war noch davon überzeugt: Sozialdemokraten sind denkende Wesen, denen müssten die Argumente einleuchten. Für die Abstimmung im Parteivorstand wurde mir prognostiziert, dass ich 15:8 unterliegen werde – so seien nun mal die Machtverhältnisse. Ich habe also vorgesungen, der Gegenkandidat auch. Der war blass und ich war gut. Das Ergebnis: 15:8 – für mich! Da schwebte ich vor Freude zehn Meter über dem Boden.

Wie ging die Tour weiter?

Vierzehn Tage später bei der entscheidenden Delegiertenkonferenz bekam ich Beifall und Lacher von allen Seiten für meine Rede. Danach erfüllte der Gegenkandidat den Saal mit gähnender Langeweile. Dann die Auszählung der Stimmen: Der Fürther Stadtrat hatte mit großer Mehrheit gewonnen. Ich war aus dem Spiel. Da war ich sehr überrascht, um es mal gelinde zu sagen.

Haben Sie herausgefunden, was da lief?

Es hatten die Drähte geglüht zwischen den Funktionären von Nürnberg, Fürth und Erlangen. Sie bearbeiteten ihre Delegierten, beschworen sie, “alles richtig zu machen”. Das Mandat sollte bei ihnen bleiben, nicht in den Wahlkreis Roth und Nürnberger Land gehen.

Der Name Nürnberger hat Ihnen bei den Nürnberger Genossen nicht geholfen.

Ich habe später erst kapiert, dass das mit mir nichts zu tun hatte. Da hätte der Papst antreten können. Sie hätten den auch nicht auf den aussichtsreicheren Listenplatz gewählt. Es ging um pure Macht.

Verliert man den Wahlkampf bei den Wählern oder in der Partei?

Ich habe klar in der Partei verloren, aber nach einem entschlossen durchgezogenen Wahlkampf das fünftbeste Ergebnis unter Bayerns SPD-Kandidaten erzielt. Hätten allein die Wähler entschieden, säße ich jetzt im Bundestag.

Warum ist der Erhalt der Pfründe für die Parteifunktionäre so wichtig?

Ein Mandat hat einen hohen Wert für den Parteiapparat. Der Abgeordnete hat im Wahlkreis ein Büro und beschäftigt dort Mitarbeiter, in Berlin ebenso. Daran hängt vieles, auch Geld. Der Einfluss innerhalb der Partei ist groß. Darum ist es so wahnsinnig wichtig, dass ein Unterbezirk einen Mandatsträger hat.

Die Kritik in der neuen Studie lautet denn auch, dass die SPD zu strategisch handle, zu wenig aus Überzeugung.

Ja, das ist mir auch aufgefallen. Ich habe alles gemacht, was ich machen musste. Sogar den ganzen Wahlzirkus, den ich verabscheue – mit Flyern und Kugelschreibern. Früh um sechs Uhr habe ich auf Bahnsteigen Brezen verteilt. Sogar Hausbesuche habe ich absolviert, wie die Zeugen Jehovas bin ich von Tür zu Tür gegangen. Die Leute haben sich gefreut und ihren Frust herausgesprudelt. Da habe ich begriffen: Diesen Kontakt muss man nicht nur vor dem Wahlkampf pflegen, sondern auch zwischen den Jahren. Die SPD muss einen Häuserkampf hinlegen, um die Köpfe und Herzen zurückzugewinnen. Haus für Haus, Straße für Straße.

Haben Sie das denjenigen Genossen mal gesagt, die schockgefroren bei 25 Prozent Umfragewerten verharren?

Ja, aber dafür hat kein Mandatsträger Zeit. Der verbraucht den Löwenanteil seiner Hundertstundenwoche für seine Wiederwahl. Er muss auf jede Kirmes gehen, Hände schütteln, Grußworte sprechen, Bäumchen pflanzen, Spargel- und Hopfenköniginnen küssen, Interesse heucheln, in den Gremiensitzungen seine Stellung verteidigen und sich eine Hausmacht aufbauen. 414 Fließband-Grußworte, so stand es mal in Ihrer Zeitung, hat Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht im Jahr 2013 investiert, um Volksnähe zu simulieren. Das hat dem Land nichts genützt, und zuletzt auch ihr nichts.

Fällt Ihnen noch etwas Positives ein?

Eines meiner schönsten Erlebnisse im Wahlkampf für die SPD war eine Kneipentour mit den Jusos. Um Mitternacht stand ich vor irgendeinem Lokal in Lauf. Drinnen sprach sich herum, dass da so ein Politiker draußen steht. Viele kamen dann heraus, zum Rauchen, zum Diskutieren. Plötzlich stand eine ganze Traube junger Leute um mich herum und wir haben zwei Stunden lang intensiv über Politik geredet. Es stimmt überhaupt nicht, dass die Jugend desinteressiert ist. Die hat nur keinen Bock auf diesen Parteipropaganda-Bullshit.

Nur 1,4 Millionen Deutsche sind Mitglied einer Partei, zwei Prozent der Wahlberechtigten. Das kann man nach solch plastischen Schilderungen verstehen.

Man braucht eine gewisse Leidensfähigkeit, wenn man da mitmischt, ja. Die Parteien müssten sich einfach stärker öffnen für Quereinsteiger.

Ihre Bilanz lautet aber: Parteieintritt ist auch keine Lösung.

Also, als Einzelner zu denken, da könnte man was bewirken, war eine Illusion. Wichtig ist mir aber auch: Das Ganze war erfolglos, aber nicht sinnlos.

Ulrike Heidenreich

Artikel veröffentlicht am: 25. März 2015