Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Die Zukunft der Energieversorgung in Lindau

Auf Einladung des SPD-Ortsvereins Lindau referierte Roland Sommer, Abteilungsleiter Markt bei den Stadtwerken Lindau, zum Thema Energieversorgung.

Seine zentrale Botschaft: Auch wenn sich vor dem Hintergrund der aktuellen Energiewende die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem auf die vier großen Energieversorger konzentriert, spielten die regionalen Energieversorger und damit auch die Stadtwerke Lindau im Energiekonzept der Zukunft eine bedeutende Rolle.

Einleitend skizzierte Sommer die aktuellen politischen Entwicklungen. Aus europäischer Sicht hob er den im März 2011 veröffentlichten EU-Energieeffizienzplan (EEP) hervor, der als strategischer Rahmen die Steigerung der Energieeffizienz um 20 % bis 2020 vorsieht. Als für Energieversorgungsunternehmen und Kommunalpolitiker gleichermaßen relevante Aspekte nannte er in diesem Kontext die stärkere Nutzung von Kraft-Wärme-Koppelung sowie Fernwärme und -kälte, den Einspeisevorrang für KWK, die Verankerung der Fernwärme im Bereich der Stadtplanung, die Ausdehnung von Energieeinsparverpflichtungen und das Aufsetzen von Qualifizierungsprogrammen im Bereich „Gebäudeeffizienz”. Auch die Stärkung von Verbraucherrechten, z. B. in Form eindeutiger Informationen über Energieverbrauch sowie die Weiterentwicklung der Finanzierung von Energieeffizienzmaßnahmen durch EU-Instrumente, wurden erwähnt.

Außerdem wies Sommer auf die Änderung der EU-Energiesteuerrichtlinie und deren geplantes Inkrafttreten (einschließlich der nationalen Umsetzungsgesetze) am 1. Januar 2013 hin. Die Richtlinie sieht eine Aufteilung der Energiesteuer in eine allgemeine Energieverbrauchsteuer, die sich zukünftig am Heizwert (€/GJ) orientiert, sowie eine CO2-Abgabe (€/t CO2) für Bereiche, die nicht am Emissionshandel teilnehmen, vor. Dabei soll der Energieeinsatz zur Stromerzeugung weiterhin von der Steuer befreit sein. Zudem ist eine Modifizierung der Befreiungstatbestände geplant; künftig sollen Steuerbefreiungen/-ermäßigungen nur bezüglich der allgemeinen Energieverbrauchsteuer zulässig sein. Aus Sommers Sicht darf die CO2-Komponente nicht zu unerwünschten Wettbewerbsverzerrungen führen, insbesondere eine Benachteiligung der Kraft-Wärme-Koppelung müsse verhindert werden.

Anschließend widmete sich Sommer den Themen „Atomausstieg” und „Energiewende”, die durch entsprechende Berichterstattung in den Medien ja zurzeit in aller Munde sind. Hier ergeben sich aus Sicht der kommunalen Unternehmen wesentlich weiter reichende Forderungen als Fortentwicklung des von der Bundesregierung beschlossenen Energiekonzepts. So seien die endgültige Abschaltung der sieben ältesten Kernkraftwerke und der Verzicht auf die Nutzung der Kernenergie zur Energieerzeugung nur wichtige und richtige erste Maßnahmen. Gleichzeitig müssten aber auch der Ausbau und die Förderung der dezentralen Energieerzeugung beschleunigt, Investitionsanreize für den Aus- und Umbau der Verteilnetze geschaffen und die Unterstützung der Entwicklung eines Energiedienstleistungsmarktes vorangetrieben werden. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Erd-/Biogas im Kraftwerks- und Wärmemarkt sei beispielsweise die Erforschung und Errichtung von Strom- und Wärmespeicherkapazitäten eine wichtige Aufgabe.

Mit dem Verweis, dass die Stadtwerke Lindau bereits im Jahr 2009 völlig auf die Lieferung von Atomstrom verzichtet hätten, während der bundesweite Durchschnitt vor zwei Jahren bei 25 Prozent lag, ging Sommer auf das Thema „erneuerbare Energien” ein. 84 Prozent der Stromlieferung der Stadtwerke Lindau (Bundesdurchschnitt 16 Prozent) seien 2009 aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen worden. Während Sommer der Bioenergie eine klare Absage erteilte, da sie einen enormen Flächenverbrauch habe und der Ertrag im Vergleich dazu eher bescheiden sei, sieht er in der Windkraft, besonders im Offshore-Bereich, hohe Potenziale. Nicht zuletzt deshalb hätten die Stadtwerke hier zusammen mit anderen kommunalen Anbietern bereits vor einiger Zeit in entsprechende Anlagen in der Nordsee investiert. Eine Schlüsselrolle bei einer dezentralen, planbaren Energieerzeugung mit langer Laufzeit spielen für Sommer zudem Blockheizkraftwerke (BHKW).

Und was kostet nun der Strom der Zukunft, den Lindaus Bürgerinnen und Bürger bereits in der Gegenwart beziehen? Gerade bei der prognostizierten Preisentwicklung auf dem liberalisierten Strommarkt bestimme Panikmache das öffentliche Meinungsbild, so Sommer. Er nahm deshalb zum Schluss seines Vortrags den Strompreis einmal genauer unter die Lupe – und verblüffte sein Publikum mit der Erkenntnis, dass die Marge für den Vertrieb durch die Stadtwerke bei gerade einmal 3,1 Prozent des Gesamtpreises liege. Die restlichen fast 97 Prozent seien in Form von Nutzungsentgelten sowie verschiedenen Steuern und Abgaben durch die Bundesnetzagentur und verschiedene Gesetze bundeseinheitlich geregelt.

So sieht Sommer neben dem Ausbau der dezentralen und regenerativen Energieerzeugung die künftigen Herausforderungen der Stadtwerke Lindau vor allem im Bereich der Energiespeicherung, im Einsatz intelligenter Zählersysteme und im Aufbau steuerbarer Energienetze. Zudem spielt aus seiner Sicht neben Energiedienstleistungen der Ausbau der kommunalen Daseinsvorsorge in Form von ÖPNV, Bädern und Kommunikationstechnik eine immer wichtigere Rolle, weshalb Sommer seine Ausführungen mit einem Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach schloss: „Im Entwurf zeigt sich das Talent, in der Ausführung die Kunst.”

Artikel veröffentlicht am: 25. April 2011