Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Das ist Facebook-Science

Gastbeitrag von Maria Noichl, MdEP zum wissenschaftlichen Streit um Glyphosat

Um die Schädlichkeit des Herbizids Glyphosat ist ein wissenschaftlicher Streit entbrannt
Der vorerst letzte Vorhang im Streit zwischen VertreterInnen der Europäischen Agentur für Lebens-mittelsicherheit (EFSA) und VertreterInnen der Weltgesundheitsorganisation fiel vor zwei Wochen im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments. Hier trafen beide Organisationen auf die europäi-schen Abgeordneten und VertreterInnen der Kommission für einen Austausch, der zum Teil sehr hitzig geführt wurde. Höhepunkt war die Bemerkung des EFSA-Direktors Dr. Url, der den von 96 unabhängi-gen WissenschaftlerInnen veröffentlichten Brief, der sich gegen die Zulassung des Unkrautvernich-tungsmittels aussprach, als Facebook-Science diskreditierte. Dem Eklat im Umweltausschuss ging ein institutioneller und wissenschaftlicher Streit voraus, der sich lohnt, noch einmal genauer analysiert zu werden.
Glyphosat als Goldgrube seit den 70er Jahren
Glyphosat ist ein alter Hase unter den Pestiziden. Seit der zweiten Hälfte der 70er Jahre wird es in der Landwirtschaft, dem Gartenbau, der Industrie und in Privathaushalten eingesetzt. Dabei wird das Mittel als Bestandteil in einer Vielzahl von Unkrautvernichtungsmitteln verwendet und ist damit das weltweit am häufigsten genutzte Pestizid – in Deutschland wird der Wirkstoff auf 40 % der Flächen ausgebracht. Jahr für Jahr werden über 700 000 Tonnen des Mittels auf der ganzen Welt verkauft. Das bekannteste Glyphosat-Produkt ist “Roundup” von Monsanto. Für Unternehmen ist der Verkauf von Glyphosat höchst profitabel. 2012 wurden weltweit mit glyphosathaltigen Produkten 5,46 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Monsanto ist auch hier der Großverdiener mit einem Umsatz von in etwa 2 Milliarden Dollar jährlich. Der Einsatz macht sich bei Lebensmittelproben bemerkbar. In 14 von 20 Proben wurden Spuren von Glyphosat nachgewiesen.
Vielleicht krebserregend!
Die aktuelle Diskussion kam im Zuge des Zulassungsverfahrens von Glyphosat ins Rollen. Die EU-Zulassung läuft nämlich Ende dieses Jahres aus und das Mittel muss für die erneute Marktzulassung ein zweistufiges Verfahren durchlaufen. Aufgrund der derzeit laufenden erneuten Prüfung des Wirk-stoffs und der widersprüchlichen Ergebnisse wurde die aktuelle Zulassung auf Ende Juni 2016 verlän-gert. Aktuell wird Glyphosat in dem sogenannten Gemeinschaftsverfahren von der EU-Kommission, unterstützt von allen Mitgliedstaaten, und der EFSA geprüft. Dem Bundesamt für Risikoforschung (BfR) kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Es ist im Fall Glyphosat der Berichterstatter bei der Europäi-schen Union und erstellt den zentralen Bericht. Dieser wurde bis Januar 2015 in einem Konsultations-verfahren von der EFSA und allen anderen Mitgliedstaaten kritisch geprüft. Anfang November hat die EFSA die Ergebnisse in Form eines Gutachtens, der sogenannten Schlussfolgerung, zusammengefasst und den Mitgliedstaaten zukommen lassen. Dieses wurde zuletzt gemeinsam mit dem deutschen Bewertungsbericht veröffentlicht und bildet für die EU-Kommission die Entscheidungsgrundlage für die Zulassung von Glyphosat. In den Schlussfolgerungen kam die EFSA zu dem Ergebnis, dass Gly-phosat “wahrscheinlich nicht krebserregend” sei. Angesichts des in der EU geltenden Vorsorgeprinzips müssten eigentlich schon hier bei der europäischen Kommission die Alarmglocken läuten. Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die EFSA die Giftigkeit von Glyphosat neu definieren wollte und einen doppelt so hohen Grenzwert (0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht) vorschlägt.
Internationale Agentur für Krebsforschung kommt zu einem anderen Ergebnis
Mit großer Verwunderung muss das Ergebnis bei den WissenschaftlerInnen der Internationalen Agen-tur für Krebsforschung (IRAC) aufgenommen worden sein. Glyphosat ist wahrscheinlich nicht krebser-regend? Bereits im März 2015 kam die IRAC in ihrem Bericht – gestützt auf frei zugängliche wissen-schaftliche Studien und damit im Gegensatz zu den teilweise nicht einsehbaren Studien aus dem Industriekonsortium, das die EFSA unterstützt – zu dem Ergebnis, dass Glyphosat “wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen” sei. Daraufhin räumte das BfR ein, dass bei deren Analyse lediglich der reine Wirkstoff bewertet wurde. Was schließlich auf den Äckern landet, wurde nicht bewertet und dadurch habe man gewisse Studien von vorhinein ausschließen müssen. Zudem hat die deutsche Agentur Hinweise auf Krebs in Tierversuchen mit Mäusen nicht beachtet. Auch dies wurde von der EFSA ignoriert.
Im Umweltausschuss kam es vor zwei Wochen dann zum Show-down zwischen BfR und IRAC. Einen Gewinner gab es nicht, aber der Generaldirektor der EFSA zeigte mit seinem Kommentar, dass auch die EFSA mittlerweile gehörig unter Druck steht. Die EU-Kommission ließ übrigens bei der Aussprache schon einmal durchblicken, wie sie sich voraussichtlich entscheiden wird: “Man werde die Neuzulas-sung auf Grundlage der Schlussfolgerungen der EFSA bewerten. So steht es in der europäischen Ge-setzgebung”, so der zuständige Kommissionsvertreter.
Für mich zeigt der Fall Glyphosat ein weiteres Mal, wie dringend wir eine Reform des Zulassungspro-zesses benötigen. Zudem muss eines klar sein: Solange ein Stoff nicht hundertprozentig risikofrei ist, sollte er vorübergehend und bis zu einer Klärung aller Vorbehalte verboten werden. Und diese Forde-rung kann auch getrost von Außenstehenden kommen. Wenn Facebook-Science also so aussieht, kriegt es auch von mir ein “Like”.

Mit den besten Wünschen für eine friedvolle Weihnachtszeit
und ein glückliches und sorgenfreies Neues Jahr

Ihre
Maria Noichl
Mitglied des Europäischen Parlaments

Artikel veröffentlicht am: 19. Dezember 2015