Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Besprechung “Georg Elser – Allein gegen Hitler” im Stadttheater

Fast hätte dieser 8. November, an dem das „Theater Lindenhof“ aus Melchingen in unserer Stadt gastierte, ein wichtiger deutscher Feiertag werden können. Man hätte ihn vielleicht „Tag der Befreiung“ genannt. Oder es gäbe statt eines „Volkstrauertags“ einen „Volksfreudentag“ - am

Das Theater Lindenhof imponiert mit Stück über Georg Elsers mißglücktem Hitler-Attentat

Winfried J. Hamann

Fast hätte dieser 8. November, an dem das „Theater Lindenhof“ aus Melchingen in unserer Stadt gastierte, ein wichtiger deutscher Feiertag werden können. Man hätte ihn vielleicht „Tag der Befreiung“ genannt. Oder es gäbe statt eines „Volkstrauertags“ einen „Volksfreudentag“ – am Ende sogar einen echten „Heldentag“; einer, an dem nicht an die unfreiwilligen Helden erinnert wird, die fürs Vaterland starben, sondern ausnahmsweise mal an einen Helden, der am Leben blieb, weil er den Untergang des Vaterlandes verhindert hat.

Dazu ist es leider nicht gekommen. Doch seit jenem 8. November 1939 war niemand mehr so nah daran, dem verhängnisvollen Lauf der deutschen Geschichte eine andere Richtung zu geben. Es war der Schreiner Georg Elser aus Königsbronn, der im Münchner Bürgerbräukeller ein Bombenattentat verübte, das Hitler und seine Führungsclique töten sollte. Sein Entschluß lautete: “Beseitigung der augenblicklichen Führung wegen der drohenden Kriegsgefahr.” Die Bombe explodierte wie geplant um 21.20 Uhr. Leider verließ Hitler die Versammlung dreizehn Minuten früher, weil er wegen schlechten Wetters statt mit dem Flugzeug mit der Bahn nach Berlin zurückkehrte. So starben acht andere Menschen, viele wurden verletzt. “Da die Tat nicht gelungen ist”, wird Elser nach seiner Verhaftung aussagen, “war sie wohl  falsch.”

Wie bringt man nun eine solche Geschichte auf die Theaterbühne, um gleichermaßen dem Helden gerecht zu werden wie auch seinem damaligen persönlichen und politischen Umfeld? Manch ein Besucher wird vermutlich eine der „üblichen“ Biographien von wichtigen Personen der Zeitgeschichte erwartet haben, die ja auf der Theaterbühne ein wenig inflationär geworden sind. Anders bei „Georg Elser – Allein gegen Hitler“: Die beiden Autoren Dieter de Lazzer und Felix Huby haben aus dem recherchierten Material und den Protokollen ein Volksstück gemacht, das sich zusehends als stimmige Würdigung von Elsers Tat erwies. Vieles wird im schwäbischen Dialekt gesprochen, vor allem von Christoph Biermeier, der der Hauptfigur jene Mischung aus Entschlossenheit, Gradlinigkeit und ja: autistischen Zügen verleiht, die immer wieder auch Parallelen zum Fanatismus und der Willensstärke von Hitler aufweist. Nicht umsonst hat dieser dafür gesorgt, dass Georg Elser bis zu seiner Hinrichtung im April 1945 sein “persönlicher Gefangener” blieb. Umringt von tumben Volksgenossen, schwachen Mitläufern und feigen Nazis nimmt sich seine Figur wie ein Wesen aus einer anderen Welt aus. “Wir sind Hitler”, scheint seine Umgebung ständig zu brüllen, wenn sie die vielen Hitler-Zitate chorisch skandiert. Den Autoren und der Regie gelingt es dabei großartig, die Gleichschaltung und den beängstigenden Wahn mit den Mitteln des Slapstick, oftmals spastisch anmutenden Bewegungen und Anklängen an die Commedia dell’arte bloßzustellen – und das hervorragend agierende Bühnenpersonal setzt dies so überzeugend um, dass einen die Ungeheuerlichkeit und der Erfolg der zugrunde liegenden Methoden der Nazischergen geradezu erschreckt. Das Stück ist eine Collage mit vielen Zeitsprüngen, das mit seinen stark choreographierten Volksszenen gelegentlich etwas verwirrt. Doch es behält nicht zuletzt durch das fein abgestimmte Akkordeonspiel seinen dramaturgischen Fluß, der erst im traurigen Lied vom “Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod” abgebremst wird: rot leuchtet dazu im Hintergrund das große, halbrunde Fenster auf. Und jeder spürt, dass dies nicht nur das Licht der Sonne ist, welches nun die Bühne erleuchtet, sondern dass es auch das Glühen der Ofen in Auschwitz und anderswo symbolisiert. Auch dies war es, was Georg Elsers Tat vielleicht hätte verhindern können.

Artikel veröffentlicht am: 9. November 2012