Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

Bericht zum SPD-Jubiläum in der LZ vom 17.5.2013

LINDAU Sie kommen festlich angezogen – und fast bei allen blitzt in Tüchern, Krawatten oder Schuhen ein Stückchen Rot hervor. Rot, die Farbe der Sozialdemokraten, die im Gewölbesaal des Evangelischen Heilig-Geist-Hospitals gleich zwei Jubiläen feiern wollen: 150 Jahre SPD und 100Jahre Parteifahne des Ortsvereins Lindau.

Die „alte Tante SPD“ feiert Geburtstag

Auch die politische Konkurrenz erweist der Partei beim Festakt die Ehre – Zwei Jubiläen für Lindauer Ortsverein

Ein Trio der Lindauer Bläser sorgt schon im Innenhof des Hospitals für die musikalische Begrüßung der Gäste, die Chorgemeinschaft Eintracht-Liederhort als Traditionsverein der Lindauer Arbeiterbewegung stimmt dann im Gewölbesaal auf den Festakt ein.

Ortsvereinsvorsitzender Winfried Hamann kann zu diesem Anlass rund 60 Gäste begrüßen, darunter die ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Heidi Lück, Fredi Alder, Präsident der Sozialistischen Bodensee Internationale aus Rorschach, SBI-Vorstandsmitglied Willi Bernhard aus Meckenbeuren und den Unterbezirksvorsitzenden und Landtagskandidaten Markus Kubatschka. Hamann freut sich auch, dass Landrat Elmar Stegmann zur Geburtstagsfeier der „alten Tante SPD“ gekommen ist, obwohl sich dessen politische Verwandten „vielleicht nicht immer ganz so wohl in unserer roten Umgebung fühlen“.

Stegmanns schmunzelnd vorgetragene Replik folgt auf dem Fuß: Für ihn sei das ein Zeichen von Liberalismus, dass man ihm hier Gelegenheit zu einem Grußwort gibt. Der Landrat geht auf die wichtige Rolle der Volksparteien ein, denn nur sie seien in der Lage, Angebote für ein breites Spektrum der Bevölkerung zu machen. Das unterscheide sie von neuen Gruppierungen, die Einzelinteressen vertreten. Es sei Aufgabe der Parteien, den Bürgern gute Angebote an Personen und Inhalten zu machen, sagt Stegmann und zeigt sich dankbar, dass es in Lindau Menschen gibt, die sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen, politische Verantwortung übernehmen.

Hermann Dorfmüller geht kurz auf die von ihm aktualisierte Broschüre zur Geschichte der SPD in Stadt und Ortsverein ein. Um dann auf den wichtigsten Mann des Abends weiter zu leiten: Festredner Rudolf Schöfberger, der als ehemaliger bayerischer Juso-Vorsitzender und Landesversitzender der SPD, langjähriger Bundestags- und Landtagsabgeordneter nicht nur ein Kenner der bayerischen Geschichte und der Arbeiterbewegung ist, sondern ein Teil davon.

Zeiten waren nicht immer gut

Vor der hundert Jahre alten Parteifahne der Lindauer Ortsvereins, die die Nazizeit in einem Versteck überlebt hatte, geht Schöfberger auf die 150 Jahre SPD ein. Auf eine Geschichte, in der Sozialdemokraten über Jahrzehnte „verketzert, verfolgt und getötet wurden“, von Nazis ebenso wie von kommunistischen Machthabern im Osten. Seine Festrede – „sie wird feierlich aber nicht gemütlich“ – wird immer wieder von Beifall unterbrochen. Bringt er doch nicht nur die Erfolge der SPD zur Sprache, sondern auch die Fehler, die die Partei seiner Meinung nach gemacht hat. Die Zustimmung 1914 zu den Kriegskrediten gehört für ihn ebenso dazu wie Hartz 4, die Heraufsetzung des Rentenalters und „das schiefe Verhältnis zur PDS und heutigen Linken“. Tradition ist für Rudolf Schöfberger wichtig. Das heißt aber für ihn „nicht die Asche aufbewahren, sondern die Glut am Brennen zu halten“. Die Glut, mit der sich Sozialdemokraten zusammen mit den Gewerkschaften zeit ihres Bestehens für die Arbeitnehmer und ihre Rechte eingesetzt haben. In der in mühsamen Kämpfen die Wochenarbeitszeiten von ehemals 78 Stunden auf 40 oder 37,5 Stunden gesenkt wurden und die Kinderarbeit verboten. Ob Gesamtphilosophie der SPD, ihre Flügel, ihre Visionen, das „alte Schlachtross der SPD“, wie Schöfberger sich selber nennt, weiß das Publikum mitzunehmen. Er sei gerne hierher gekommen nach Lindau, das eine „prächtige Stadt“ sei. Lob gibt es auch für den SPD-Ortsverein – „ein Juwel der Bayern-SPD“ – und nicht zuletzt für Hermann Dorfmüller. Ihn habe er immer bewundert und als Vorbild betrachtet, so Rudolf Schöfberger.

Ein Ende mit Schrecken

Der Festakt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten der Lindauer Sozialdemokraten im Gewölbesaal des Evangelischen Heilig-Geist-Hospitals ist vorzeitig und mit einem Schock für die Veranstalter und Gäste zu Ende gegangen. Noch nicht am Ende seiner Festrede angekommen, kommt Rudolf Schöfberger plötzlich ins Stocken, sagt: „Ich glaube, ich muss jetzt aufhören.“ Dann kippt er nach hinten um, schlägt hörbar auf dem Boden des Podiums auf. Ein, zwei Sekunden lang sind alle im Raum vor Schock wie gelähmt, dann bemühen sich die ersten um den gestürzten 77-Jährigen. Allen voran Hospitalsleiter Klaus Höhne und Ehefrau, die Rudolf Schöfberger in die stabile Seitenlage bringen. Landrat Elmar Stegmann hat als erster das Handy in der Hand, telefoniert nach dem Notarzt. Und es dauert bange (und lange) zwölf Minuten, bis dieser endlich eintrifft. Schöfberger liegt noch am Boden, hat aber inzwischen das Bewusstsein wieder erlangt. „Es war wohl Unterzuckerung“ ist zu hören, denn der SPD-Politiker ist Diabetiker. Was auch zu hören ist: „Das gibt’s doch nicht, dass es so lange dauert, bis Hilfe kommt.“ Die Gäste unterhalten sich leise und mit ernsten Gesichtern. Sorgen sich um Rudi, wie ihn die meisten Genossen hier nennen. 20 Minuten nach dem Notruf trifft dann auch der Krankenwagen ein, der Rudolf Schöfberger in das Krankenhaus Friedrichshafen bringen wird.

(Erschienen: 16.05.2013 16:15)

Quelle: http://www.schwaebische.de/region/bodensee/lindau/stadtnachrichten-lindau_artikel,-Die-alte-Tante-SPD-feiert-Geburtstag-_arid,5439402.html

Artikel veröffentlicht am: 17. Mai 2013