Lindau
"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf"
Willy Brandt

150 Jahre SPD – Feier des SPD-Unterbezirks Ostallgäu in Marktoberdorf mit Franz Müntefering

Für den SPD-Unterbezirk Ostallgäu luden die Vorsitzende, Ilona Deckwerth, Stadträtin in Füssen und Kandidatin für den Bayerischen Landtag, sowie ihre beiden Stellvertreter, Dr. Paul Wengert, MdL und Karin Wehle-Hausmann zur 150-Jahr-Feier nach Marktoberdorf ins MODEON ein. Als Festredner referierte Franz Müntefering, ehemaliger Vizekanzler, SPD-Parteivorsitzender und Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion sowie Bundesminister für Arbeit und Soziales a. D.

Nach den einleitenden Worten der drei o.g. Vorsitzenden, stimmungsvoll musikalisch umrahmt vom TINY-SCHMAUCH-TRIO erlebten die zahlreich erschienenen, teils hochrangigen Gäste eine begeisternde, historisch fundierte Rede von Franz Müntefering, MdB.

Der ehemalige Vizekanzler merkte gleich zu Beginn an, dass die Bezeichnung „Vizekanzler“ politisch nicht ganz korrekt sei. Schließlich ist diese Bezeichnung im Grundgesetz nicht erwähnt, obwohl seine Funktion in der ehemaligen Großen Koalition diesen Begriff rechtfertigen würde.

Diese und viele andere, teils humorvolle und anekdotische Einzelheiten würzten die 75-minütige Rede in einer Art und Weise, dass sein geschichtlich interessanter Abriss der sozialdemokratischen Geschichte in Deutschland zu keiner Sekunde langweilte.

1863 gilt als das Gründungsjahr, als Ferdinand Lasalle in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) ins Leben rief. Bereits damals standen die Schlagworte der Französischen Revolution „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“, ergänzt durch „Einigkeit macht stark!“ auf den Fahnen und Standarten der ersten deutschen Sozialdemokraten.

Doch die Freiheit der neuen Arbeiterbewegung wurde durch das Bismarcksche Sozialistengesetz 1878 jäh ausgebremst. Erst 1890, nach 12 Jahren Verbot und Verfolgung, konnten sich die Sozialdemokraten öffentlich SPD nennen.

1906 schmiedeten die Gewerkschaften im Mannheimer Abkommen ein Bündnis mit der SPD. Turbolenzen und Spaltungen trübten das Bild der Partei nach dem I. Weltkrieg, bis es 1933 zu einem traurigen Höhepunkt kam: Otto Wels berühmte Rede bei der Verabschiedung des Ermächtigungs-gesetzes im Reichstag, welches Adolf Hitler diktatorische Macht etablierte, begann mit dem Satz:

„Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!“

Wer in den folgenden Jahren auch nur als Sozialdemokrat verdächtigt wurde, endete in den KZs oder musste ins Exil fliehen. Erst nach dem Scheitern des 3. Reichs konnte Kurt Schumacher 1945 in Hannover wieder ein SPD-Büro eröffnen. Doch die folgenden Jahre brachten der SPD vor allem in der damaligen Sowjetzone schmerzliche Einschränkungen. Die Zwangsvereinigung mit der KPD raubte den Sozialdemokraten alle demokratischen Möglichkeiten, politisch zu agieren.

Im Westen konnten sie mit dem Godesberger Programm 1959 eine modernisierte Partei präsentieren, was mit der Wahl Willy Brandts 1969 zum ersten sozialdemokratischen Kanzler in der BRD zum Erfolg führte. Ein Jahr später leitete der berühmte Kniefall Brandts eine neue Ära ein. Egon Bahr führte die ersten Gespräche mit den regierenden Mächten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs und gilt somit als Begründer der Ostpolitik.

1974 wurde Helmut Schmidt Bundeskanzler und stärkte mit dem umstrittenen NATO-Doppelbeschluss das Bündnis mit dem demokratischen Westen. Damals kehrten einige pazifistisch orientierte Sozialdemokraten enttäuscht der Partei den Rücken, doch die Geschichte hat uns gelehrt, dass der Zusammenbruch des Warschauer Pakts wohl durch die verstärkten Rüstungsanstrengungen auf beiden Seiten zum wirtschaftlichen Ruin des Ostens und damit den Weg zur Wiedervereinigung beschleunigt hat.

Der nächste Höhepunkt für die deutschen Sozialdemokraten war 1998 nach 16 Jahren Kohl-Regierung lange überfällig: Gerhard Schröder wurde Bundeskanzler, dem es gelang, den schier unmöglich scheinenden Spagat zwischen erfolgreicher Wirtschaftspolitik und sozialer Gerechtigkeit zu realisieren.

Bis heute werden sozialdemokratische Projekte, die dann auch in der letzten großen Koalition beschlossen wurden, von der aktuellen Kanzlerin weitergeführt, was ihr in ihrer eigenen Partei gelegentlich vorgeworfen wird. Dass sie in ihren jüngsten Ausführungen sogar versucht, die SPD links zu überholen, ohne allerdings auf die Finanzierung einzugehen, amüsiert die aufgeklärten Genossinnen und Genossen.

Für die SPD, so Müntefering, ist es wichtig, die Schere zwischen sozial wichtigen Forderungen und einer vernünftigen Staatskonsolidierung angemessen zu schließen. Das heißt z. B., die Ausgaben für das ungerechte Betreuungsgeld in die verstärkte Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern und deren angemessene Bezahlung umzuleiten.

Nach der mitreißenden Rede des ehemaligen „Vizekanzlers“ zwang ihn das begeisterte Publikum durch minutenlange, stehende Ovationen zurück ans Rednerpult, wo er sich bescheiden für den Applaus bedankte.

Die gelungene Veranstaltung wurde anschließend durch ein wohlschmeckendes Stehbuffet abgerundet, bei der sich auch für die Sankt Manger SPD Gelegenheit bot, ein wenig Small Talk mit Franz Müntefering zu genießen.

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Auf dem Bild sind von links:

Manfred Pfau, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Kempten-Süd/St.Mang, Walter Neumaier (Beisitzer im OV), Ilona Deckwerth, Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Ostallgäu, Stadträtin in Füssen und Kandidatin für den Landtag, Franz Müntefering, MdB, Axel Buchwald, Stellvertreter im OV Kempten-Süd/St.Mang und Peter Stanke, ebenfalls Stellvertreter im gleichen OV.

Kempten, Sankt Mang, 7. Juli 2013

Peter Stanke

Artikel veröffentlicht am: 7. Juli 2013